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"Kermisdahl - Wetering"

Pressebericht: NRZ vom 18. August 2012

Immer auf Achse

Noch heute profitiert Kleve von „Stadtplaner" Prinz Johann Moritz von Nassau

Andreas Gebbink

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Hinter jedem Aussichtspunkt steckt ein wohlüberlegtes Konzept. Ein Stich von 1680/85 zeigt den Sternberg - aufgeschüttet auf 86 Meter. 

Foto: Fremdfoto

Kleve. Eigentlich ein viel zu schöner Ort, um hier gehängt zu werden. Galgenberg nannten die Klever diese Stätte, auf der im Mittelalter die Verurteilten hingen und auch später noch die Köpfe rollten. Dabei hat man hier so eine schöne Aussicht: Früher ging der Blick bis zum Sternberg herüber, in den Tiergarten hinein und die Lindenallee herunter. Auch heute ist der „Klever Berg", wie er jetzt weniger martialisch heißt, ein wunderschönes Fleckchen Erde. Der 15 Meter hohe Aussichtsturm, 1892 errichtet, bietet faszinierende Blicke über die Stadt. Ein guter Startpunkt für eine Führung durch den neuen Tiergarten.

Margret Ostermann hat ein paar Schokoküsse und Mozartkugeln dabei, jeder Teilnehmer darf zugreifen. „Für all die Menschen, die hier hingen und all die Köpfe, die hier kugelten", sagt die sympathische Stadtführerin und reicht die Packungen umher. Sarkastischer Humor, gewiss, aber im schönen Klever Tiergarten war auch zu den Zeiten des Johann Moritz von Nassau-Siegen nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Gerne sieht man die lustwandelnden Menschen am Amphitheater, aber zur traurigen Realität gehören auch die Gehängten vom Galgenberg. Es war der grauenvolle Ort der Vollstreckung des Klevischen Landgerichtes, wo der „Beul" (der Scharfrichter) wütete, um Schwerverbrechern den Garaus zu machen. Zwischen 1527 und 1701 sollen es immerhin 188 Menschen gewesen sein.

Penibel geplant

Johann Moritz von Nassau-Siegen hat den Berg übrigens nicht unbedacht ausgesucht. Der Weltenbummler hat diese Stätte in sein Konzept der Sichtachsen und Aussichtspunkte wohlüberlegt eingeordnet. Um sechs Meter hat er den Hügel anschütten lassen, damit er exakt die gleiche Höhe wie die Schwanenburg hat: 99 Meter über dem Meeresspiegel - der Mann muss penibel gewesen sein.

Und hartnäckig: 30 Jahre hat er für die Gestaltung der Klever Gartenanlagen aufgewendet, mit denen er 1636 begonnen hat. „Johann Moritz wollte den Menschen die Schönheit wieder zurückgeben", sagt Margret Ostermann. Und das Schöne ziert Kleve noch heute. Etwa die Nassauerallee, die der Prinz im Herbst 1653 innerhalb von nur zwei Wochen anlegen ließ: vom Nassauer Tor führte die Straße gen Süden zum Alten Park hinaus. 600 Linden ließ er herbeischaffen und in vier Reihen pflanzen.

Das zweite Ziel von Margret Ostermann ist der zentral gelegene Sternberg. Von der Nimweger Straße geht es über den Forstweg und die Grenzallee quer durch den Wald auf einen zweiten Hügel, der einst Dreh- und Angelpunkt der Sichtachsen von Johann Moritz war. „Heute kennen den Platz nur noch Eingeweihte", sagt Margret Ostermann. Versteckt liegt er im Dickicht des Tiergartens, wo einst ein Pavillon stand, der einen Blick auf die Schwanenburg bot und von dem alle Sichtachsen abzweigten. Erst seit den 70er Jahren habe man wieder ein Bewusstsein für dieses einzigartige Erbe, sagt Ostermann und freut sich, dass viele Klever Gruppen ehrenamtlich die Pflege des Stern- und Butterberges übernommen haben. In der Mitte des Hügels befindet sich eine Linde mit Rundbank. Auch die Sichtachsen wurden wieder freigeschnitten, so dass man die Architektur des Prinzen noch erahnen kann.

Bronzeplakette zeigt Sichtachsen

Der Sternberg wurde übrigens auch aufgeschüttet - auf 86 Meter. Seit 2011 gibt es hier eine Bronzeplakette des Kranenburger Bildhauers Dieter von Levetzow, welche sämtliche Sichtachsen darstellt. Leider wurde die Plakette ungenau auf den Betonsockel gelegt - die Ortsbezeichnungen passen nicht ganz zu den Himmelsrichtungen.

Wer den Sternberg umrundet, der braucht nur wenige Schritte, um zum Springenberg zu gelangen. Hier sprudeln die Klever Quellen, die Mitte des 18. Jahrhunderts den Kurbetrieb ermöglichten und der Stadt einen neuen Glanz gaben. Gut 100 Jahre später befand „Bad Cleve" sich in seiner Blütezeit und 1872 wurde das Kurhaus mit Kurhotel und Wandelhalle gebaut.

Auf dem Weg dorthin hält Margret Ostermann auch noch einmal beim „Kupfernen Knopf inne. Jener Obelisk oberhalb des Amphitheaters, den ein Adler mit Knopf ziert. Das Objekt geht übrigens nicht auf Prinz Moritz zurück, aber es passt ganz gut ins Konzept. Wahrscheinlich geht seine Entstehung auf Österreicher zurück, die während des siebenjährigen Krieges das Land verwalteten. Auf einem Bild von Rousseau aus dem Jahre 1791 ist der Obelisk zu sehen, damals die Wipfel der benachbarten Bäume weit überragend. Wegen des schönes Blickes in die Rheinniederung (von hier aus kann man bis Emmerich und Rindern sehen), behielt der Platz auch nach der Zerstörung der Gartenanlagen 1794 den Namen „Goldener Knopf". Zum Kriegsende 1945 wurde der Adler von britischen Soldaten abgeschossen. Und einige Jahre später in leicht veränderter Form wieder angebracht.